Lesung mit Elfriede Wojaczek-Steffke
Die Veranstaltung begann mit der Begrüßung der ca. 40 Gäste durch Ina Gamp, Studienhausleiterin der Brücke/Most-Stiftung. Im Anschluss daran erläuterte Dr. Wolfgang Schwarz vom Adalbert Stifter Verein in einer etwa 20minütigen Einführung die Ereignisse, die im Zusammenhang mit der Vertreibung der Deutschen aus den böhmisch-mährischen Gebieten stehen. Er verwies darauf, dass Geschichte nie einseitig betrachtet werden dürfe, so auch nicht die deutsch-tschechische, die gewiss nicht frei von Konflikten ist. Deshalb betonte er die Bedeutung von Zeitzeugenberichten, auch in Form von Büchern wie dem der Lesenden Elfriede Wojaczek-Steffke. Dies sind Bücher, die nicht alte Wunden aufreißen, sondern von Tatsachen und unterschiedlichen Schicksalen berichten und somit Zusammenhänge erkennen lassen und das Bewusstsein dafür stärken, dass diese Geschehnisse Teil der Geschichte sind. Mit der Aufforderung an die Schülerinnen und Schüler, dass man im Sinne einer guten Verständigung immer Neugierde für die andere Seite mitbringen müsse, übergab er an Frau Wojaczek-Steffke.
Elfriede Wojaczek-Steffke begann nach einführenden Worten mit dem Vorlesen einiger Passagen aus ihrem Buch. Darin schilderte sie sehr persönlich, anschaulich und authentisch all die tragischen Ereignisse, die im Einzelnen ihr und ihrer Familie widerfuhren. Durch die Chronologie ihrer Erzählungen ließ sich für die Schülerinnen und Schüler gut nachvollziehen, wie die großpolitischen Ereignisse eine einzelne Familie betrafen. Sie berichtete über das Warten auf den Evakuierungsbefehl, in welcher Form das Bild des Dorfes und das Leben im Dorf sich durch den Krieg und die Nachkriegsereignisse verändert hatten, welchen physischen und psychischen Belastungen die Menschen ausgesetzt waren, welche Gefühle die Rückkehr des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft in ihr auslösten. Einen besonderen Eindruck erzeugten auch die Schilderungen über die tschechische Familie, mit denen die Familie der Autorin nach Kriegsende eineinhalb Jahre zusammenlebte. Sie erzählte über den tschechischen Familienvater, der die Nationen schon in Kürze als Brüder vereint sah und der durchaus wusste, dass die große Politik die kleinen Männer nicht trennen muss. Im letzten Teil der Lesung erfuhren die Zuhörer vom schmerzhaften Abschied von den Großeltern, der Zeit im Umsiedlerlager und der Fahrt ins deutsche Gebiet in Viehwaggons.
Nach der eigentlichen Lesung konnten die Schülerinnen und Schüler Fragen an die Autorin richten. Davon wurde rege Gebrauch gemacht und die Schüler zeigten ein großes Interesse an der Thematik und der persönlichen Geschichte von Frau Wojaczek-Steffke. Auf diese Weise wurden weitere Themen aus dem Leben der Autorin aber auch die Geschichte der Sudetendeutschen allgemein betreffend besprochen.
Elfriede Wojaczek-Steffke schaffte es, die Zuhörer an ihrem persönlichen Schicksal teilhaben zu lassen und als Zeitzeuge über ein für junge Menschen ferneres Stück Geschichte zu berichten. Zudem wusste sie durch ihre Erfahrung den Schülern aufzuweisen, dass man verstehen muss, um verzeihen zu können, dass nicht nur ein Ort „Heimat“ ist, sondern dass Menschen die „Heimat“ sind. Sie sagte den Schülern, „dass wer die Vergangenheit nicht kennt, den Sinn der Gegenwart und das Ziel der Zukunft nicht verstehen könne.“ Deshalb ist es wichtig viel zu wissen und viel zu lernen - auch um Problemen die durch Nationalismus entstehen können, aufgeklärt entgegen treten zu können.
Abschließende Worte fand dann Dr. Schwarz, der sich nicht nur bei der Autorin und der Brücke/Most-Stiftung sondern auch bei den Schülerinnen und Schülern für ihre große Aufmerksamkeit und ihre intelligenten Fragen bedankte.
Nach der Lesung hatten die Gäste außerdem noch die Möglichkeit, Teile der Ausstellung der Brücke/Most-Stiftung „Kde domov můj? – Wo ist meine Heimat?“ zu betrachten.
