Pädagogik gegen Rechts

Bericht zum Seminar Pädagogik gegen Rechts – Seminar für Lehrerinnen und Lehrer aus Deutschland und Tschechien zum Umgang mit Rechtsextremismus in der Schule.

 


Am Anfang stehen eine Menge Zahlen. Schockierende Zahlen. Jedes Wochenende finden in Deutschland 3-4 Demonstrationen mit rechtsextremem Hintergrund statt. 20-25 % der sächsischen Bevölkerung sind rechtsextrem eingestellt. 18, 88, 14 – zentrale Bestandteile der neonazistischen und rassistischen Zahlensymbolik. Weil sie mit 10% der Stimmen in den sächsischen Landtag gewählt wurde, erhält die NPD 200.000 Euro monatlich aus Steuergeldern.
Mgr. Martin Balcar, Leiter der Stiftung Divoké Husy in der Tschechischen Republik und Carsten Enders von der Landesarbeitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bildung Sachsen e.V. sind bestens informiert. Sie nennen nicht nur Zahlen, sie wissen über alle Einzelheiten der rechten Szene Bescheid. Zum Beispiel über den Musikgeschmack. Über die tschechischen Bands Orlík und Braník, die deutsche „nationale Liedermacherin“ Anett oder die verbotene Rechtsrockband „Landser“. Martin Balcar und Carsten Enders legen beispielhafte Lieder auf und warnen vor der Unterschätzung der Musik als Einstiegsmedium Nr.1. Dann zeigen sie die wichtigsten Modemarken von Rechtsextremen in Tschechien und Deutschland. Die Unterschiede sind unübersehbar, die Gemeinsamkeiten allerdings auch. Klar machen die beiden engagierten Referenten vor allem eines: In Sachsen hat sich die rechtsextreme Szene in den letzten Jahren stark verändert. Sie ist dem Anschein nach weniger anstößig, angepasster. Stellt sich auf die Seite von Antikapitalisten und Globalisierungsgegnern und ahmt linke Symbolik nach. In Tschechien, so Martin Balcar, „sind die Rechtsextremen noch nicht so weit. Aber sie fahren regelmäßig nach Sachsen, um hier etwas in Sachen Organisation zu lernen.“ So perfide das klingt – uns Teilnehmerinnen wird klar, dass es höchste Zeit für dieses Seminar ist. Weil es die Zusammenarbeit zwischen tschechischen und deutschen Neonazis aufdeckt und zeigt, wie notwendig die Zusammenarbeit auch unter ihren Gegnern ist.

Im Brücke/Most-Zentrum in Dresden sind vom 09.-12. Mai interessierte Frauen aus Tschechien und Deutschland zum Seminar „Pädagogik gegen Rechts“ zusammengekommen. Das Programm hatte die unterschiedlichsten Menschen angesprochen. Von Lehrerinnen aus Mittel- und Berufsschulen über Pädagogikstudentinnen bis hin zu Schuldirektorinnen. „Von Lehrerinnen, die rechtsextreme Schüler haben, bis hin zu solchen, die fürchten, ihre Schüler könnten Opfer rechtsextremer Gewalt werden“, fasst Carsten Enders zusammen.
Alle haben unterschiedliche Erfahrungen mit Rechtsextremismus gemacht. Die tschechischen Pädagoginnen berichten von weit verbreiteten Vorurteilen und Feindlichkeiten gegen Roma. Eine Lehrerin aus Pirna sieht sich immer wieder mit rechtsextrem eingestellten Schülern konfrontiert. Wieder eine andere hat Rechtsextreme im nächsten Umfeld. Alle waren irgendwann mit Rassismus, Antisemitismus oder Ausländerfeindlichkeit konfrontiert. Das zeigt sich im 2. Teil des Seminars, in den Szenen des Forumtheaters.

Das Forumtheater ist so etwas wie das Gegenteil vom Infovortrag im 1. Teil. Zunächst kommt jeder Inhalt von den Teilnehmerinnen selbst, sie haben die Ideen und Assoziationen, sie setzen die Impulse. Kerstin Knye und Juliane Dieckmann von der Landesarbeitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bildung Sachsen e.V. fangen mit Spielen an, stellen Übungen vor. Erst zum Aufwärmen, dann für das Zwischenmenschliche, schließlich mit Themenbezug. Wir entwickeln ein „Museum des Rassismus“. Die Bilder sind wir selbst, der eine wird vom anderen zur Statue modelliert. Wir heißen „Der Rassist“, „Aus Spaß…“, „Opfer“. Eine beängstigende Sammlung entsteht: Sie zeigt Gewalt, Unterdrückung, Hass und Überheblichkeit und Leid, am meisten Leid. Sie zeigt, wie viel es für uns zu tun gibt beim Wirken gegen Rechtsextremismus. Zwar entstammt das „Museum des Rassismus“ noch unserer Phantasie, unseren Assoziationen zum Thema. Im nächsten Schritt aber sind bereits unsere ganz persönlichen Erfahrungen gefragt. Auf 13 großen Blättern nehmen Erinnerungen Form an. An eigene Erlebnisse, solche von Nahestehenden, welche, von denen man gehört hat. Inhaltlich sollen sie nur eines gemeinsam haben: Die Begegnung mit Rechtsextremismus und den Wunsch des Erinnernden, für die betreffende Situation eine Handlungsoption zu finden, die die Lage „lösen“ könnte. Die bemalten, beklebten, beschriebenen Blätter sollen Manuskripte für ein Forumtheaterstück werden. Oder eigentlich keine Manuskripte, sondern Orientierungsrahmen.
Das ist das Besondere am Forumtheater. Es gibt kein Manuskript, kein fertiges Stück, es gibt keine Trennung zwischen Schauspielern und Zuschauern. Alle sind wir „Zuschauspielerinnen“. Nun kommen sie, die notwendigsten Infos über die Methode, in der wir schon drin stecken:
Das Forumtheater wurde in den 50er/60er Jahren von Augusto Boal in Brasilien entwickelt und wird auch „Theater der Unterdrückten“ genannt.. Die Theorie des Forumtheaters geht davon aus, dass jeder Mensch erstens den Wunsch nach einem „guten“ Leben ohne Krieg und Unterdrückung verspürt und zweitens für eine Unterdrückungssituation Handlungsalternativen, -ideen und -strategien in sich trägt. Die antiautoritäre Methode des Forumtheaters soll die Menschen fördern, diese Ideen zu entwickeln und Verantwortung für die Realität zu übernehmen. Es soll den Wunsch wecken, in die Realität umzusetzen, was im Theater geprobt wurde.
In der Praxis funktioniert das so: Drei Kleingruppen werden gebildet, und jede wählt an Hand der vorbereiteten Blätter aller Kleingruppenmitglieder eine Szene aus, die sie probieren will. Lange Probenzeit gibt es nicht, das Motto lautet Improvisation.
Die ausgewählten Szenen könnten unterschiedlicher kaum sein. Die erste handelt von betrunkenen Jugendlichen, von einem Mädchen, das zur falschen Zeit am falschen Ort ist, von Totschlag. Die zweite schildert „Angst in der Deutschen Bahn“, wieder ein Mädchen, allein im Zug, bedrängt von Hooligans. Diese Szene kommt ohne physische Gewalt aus, die Bedrohung reicht völlig aus. Die dritte Szene schließlich erzählt von verbaler „Gewalt“, von Beleidigung und von Antisemitismus, in einen harmlosen Spruch verpackt.
Soweit könnte es auch ganz normales Laientheater sein. Aber jetzt geht es erst richtig los. Bei keiner der Situationen sind wir mit dem Ausgang zufrieden. Ein Mensch stirbt, einer erstarrt vor Angst, ein dritter weicht dem Konflikt aus. Das soll nicht so bleiben. Also versuchen wir, den Szenen im entscheidenden Moment eine andere Wendung zu geben. Wer eine Idee hat, probiert sie aus, „dreht sich“ auf die Bühne und gibt der Szene einen neuen Verlauf. Wenn auch die neue Strategie keinen Erfolg hat, macht es nichts, denn es ist ja „nur“ Theater. Schließlich, am Ende der Szene mit der verbalen „Gewalt“, da weicht tatsächlich nicht mehr die vormals „Unterdrückte“ aus, sondern ihr Gegenüber. Er hat der Beharrlichkeit, den Argumenten und der Schlagfertigkeit seiner Gesprächspartnerin nichts mehr entgegenzusetzen. Steht einfach auf und geht.
Aus einer unbefriedigenden Situation haben wir einen Ausweg gefunden. In einer ähnlichen Lage werden wir uns in Zukunft vielleicht besser zu helfen wissen. Denn wir waren ja schon mal drin, zumindest im Theater.

Mit dieser positiven Erfahrung hätte es zu Ende sein können. Dass sie statt dessen Stoff für einen neuen Konflikt war, das lag wohl daran, dass das reale Leben doch komplizierter ist als das Forumtheater. Und so endete das Seminar mit einer Diskussion über realen Antisemitismus, mit Nachdenklichkeit. Was hätte das Seminar Besseres erreichen können?! „Auf das Forumtheater kann nur die Aktion selbst folgen“, fand sein Begründer Augusto Boal. Also bitte: Wir haben auf der Bühne gestritten, und dann in der Realität. Wir sind dem Konflikt nicht ausgewichen. Dass es zu einem Konflikt kommen musste, ist bei 13 Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen nicht erstaunlich. Aber wir haben ihn zu lösen versucht. Dabei hat uns das Forumtheater einiges an die Hand gegeben.

Am Ende haben wir nicht nur viel Wissen und Nachdenklichkeit mit nach Hause genommen, sondern auch runde Holzschächtelchen, in denen jede von jeder eine kleine Nachricht fand. Dazu die Telefonnummern vieler netter Menschen und natürlich eine Menge Eindrücke von Dresden und dem Brücke/Most-Zentrum bei Sonnenschein.

Christina Clasmeier

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